Das Kennenlernen

Man geht heute nicht mehr zusammen, weil man irgendwann heiraten muss. Man geht zusammen, weil man sich gefällt, weil man verliebt ist, weil man sich gut versteht. Manche sehen sich nach einem Partner, damit sie ihre Hobbies teilen können. Andere sind einfach ungern allein. Manche lieben ihren Freund oder ihre Freundin, aber sie sehen die Institution Ehe als Auslaufmodell des Miteinanders an und brauchen keinen Trauschein, um zu wissen, wen sie wollen. Manche würden nur jemanden heiraten, der ihrer eigenen Religion oder Kultur zugehörig ist, aber sie sind trotzdem mit jemandem zusammen, der es nicht ist. Manchmal ist die Situation etwas vertrackt. Vertrackt ist auch, dass bei aller Liberalität und bei aller modernen Selbstbestimmung scheinbar immer noch die Faustregel gilt: Die Frau hofft sehnsüchtig auf den Antrag des Mannes, der seine vielgeliebte Freiheit der Frau zuliebe aufgibt oder – die unangenehme Variante der Fremdwahrnehmung – die Frau ihn angeblich zum Heiraten gebracht hat. Nicht wenige Beziehungen scheitern an einer missglückten Öffentlichkeitswirksamkeit. Frauen fühlen sich in ihrem Stolz verletzt, oder sie wollen heiraten, haben aber keine Lust auf die Rolle als Ehefrau, weil sie im Leben einer Geschäftsfrau mehr Anerkennung wittern, Männer geraten in die Trotzfalle: Weil es von ihnen erwartet wird, dass sie einen Antrag machen und keiner ihnen die Gelegenheit gibt, diese Sache aus sich heraus in Bewegung zu bringen, verharren sie in einer Art Starre. Manche nennen das die Unfähigkeit des männlichen Individuums der Postmoderne, die Adoleszenz zu überwinden und selbst Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen. So übertreiben psychologisch zu denken, ist aber ein großer Fehler, weil sehr kontraproduktiv: Beachten Sie, dass Ihre Partnerin oder Ihr Partner in erster Linie ein Mensch ist, in zweiter Linie eine Person, also ein Mensch, der eine bestimmte Rolle als Mann oder als Frau spielen muss. Da nun gerade eine Beziehung den Spagat zwischen intimster Privatheit und öffentliche Auftritt bedeutet, kommt es manchmal vor, dass für eine Beziehung im Prinzip irrelevante Rollenkonflikte eines der Partner die ganze Beziehung vergiften können. Wenn also Ihre Freundin zu Ihrer Mutter sagt, dass Sie wohl keine Kinder will und Ihre ganze Familie Ihnen daraufhin erzählt, diese Frau würde Sie nicht lieben: Vergessen Sie es! Leben Sie ihr Leben, setzen Sie niemanden unter Druck. Was kommen soll, wird geschehen – außer, Sie lassen sich zu sehr reinpfuschen. Und umgekehrt, wenn die Leute meinen, Ihr Freund ist kein Fan von Heiraten und gemeinsamem Altern und so weiter: Was sehen Sie, wenn Sie mit ihm alleine sind, suchen Sie nicht nur nach Indizien dafür, dass die anderen Recht haben, versuchen Sie, es unvoreingenommen zu betrachten. Sie werden sehen, es gibt für jede Ansicht Belege im täglichen Leben. Kein Mensch ist immer ganz einig mit sich selbst. Ist es so, dass Sie tatsächlich verzweifelt auf einen Antrag warten und er kommt einfach nicht, sie fühlen sich verschmäht und gekränkt, dann dürfen Sie tatsächlich aktiv werden: Entweder Sie machen einen Antrag, oder, falls Sie unbedingt erobert werden möchten, sagen Sie Ihrem Partner, dass Sie gerne ihr Leben mit ihm verbringen wollen, und dass Sie das Gefühl haben, damit alleine zu sein. Deswegen sei es wohl besser, sich voneinander zu lösen. Sie sagen, dass Sie jetzt erstmal zwei Wochen Urlaub machen werden, um zu sich zu kommen. Dass sie ihn/sie lieben, aber niemals zu etwas zwingen wollen, was nur sie alleine wollen. Sie werden sehen, manchmal passieren die Dinge ganz schnell. Nur klagen Sie niemals einen Antrag ein. Wie sollten Sie sich denn sonst noch über den Antrag freuen können?